Autonomes Zentrum feiert seinen ersten Geburtstag

NACHTTANZDEMO Geburtstagstanz auf Kölner Straßen

Über tausend Menschen tanzten ausgelassen zu Elektro-Klängen auf der Straße, zwischen ihnen drei Wagen mit verschieden DJ-Teams, die gemeinsam mit den Menschen durch die Straßen zogen. Über ihren Köpfen schwebten hunderte Luftballons und wo man hinschaut waren fröhliche Gesichter zu sehen. Dieser ungewöhnliche Anblick bot sich auf den Kölner Ringen am Abend des 15. Aprils.

Das Autonome Zentrum (AZ) Köln feiert seinen ersten Geburtstag. Die Nachttanzdemo am Freitagabend war nur der Auftakt, am darauf folgenden Samstag und Sonntag fanden zudem eine Vielzahl von Konzerten, Workshops und Veranstaltungen in den Räumlichkeiten in Kalk statt.

Das einjährige Bestehen ist keinesfalls eine Selbstverständlichkeit, handelt es sich doch beim Autonomen Zentrum nicht um ein „normales Kulturzentrum“. Vor einem Jahr entstand das AZ, durch eine Besetzung der seit fast einem Jahrzehnt leer stehenden ehemaligen KHD-Kantine (Klöckner-Humboldt-Deutz-Werke) in Kalk. Dies war der Schlusspunkt der Kampagne ‚pyranha‘, die seit der Schließung der Schnapsfabrik im Dezember 2008 die Forderung nach einem Autonomen Zentrum für Köln durch vielfältige Aktionen im öffentlichen Raum in die Öffentlichkeit trug.

„Das Autonome Zentrum ist ein Treffpunkt für organisierte und nicht organisierte Menschen aus den verschiedensten sozialen, politischen und kulturellen Zusammenhängen. Es bietet einen unkommerziellen Raum für Ausstellungen, Infoveranstaltungen, Gruppentreffen, Konzerte, Parties, Kneipe, Essen, Kino und vieles mehr,“ heißt es im Handbuch der Benutzer*innen. Es geht also nicht um passives Konsumieren, sondern um aktives, verantwortliches Mitmachen aller.

Der formulierte Anspruch wurde schnell in die Tat umgesetzt: Im vergangenen Jahr fand eine Vielzahl von politischen und kulturellen Veranstaltungen, Kinoprogramm, Partys, Konzerte und Ausstellungen statt. Das AZ wird als Probeort für Musik- und Theatergruppen genutzt, eine Holz-, Metall- und Fahrradwerkstatt wurde eingerichtet.

„Das Autonome Zentrum hat sich in der freien politischen und kulturellen Szene etabliert. Es ist zu einem sozialen Treffpunkt geworden, für Menschen, die selbst bestimmt leben wollen“ so Emilia, eine Nutzerin des AZ.

Trotzdem wurde das AZ bis vor wenigen Wochen aufgrund der Besetzung der Räumlichkeiten von der Besitzerfirma des Hauses – eine Tochtergesellschaft der Sparkasse Köln-Bonn – als illegal betrachtet. Dies erschwerte die Arbeit der Besetzer*innen erheblich. Ihnen wurde Strom und Wasser abgestellt, obwohl es geschätzte Abschlagszahlungen an die Sparkasse für die Nebenkosten gab. Strom musste seitdem mit Generatoren erzeugt und Wasser „per Hand“ herbei gebracht werden.

Erst am Sonntag, den 24. März, wurde die Lage kritisch. Es erreichte das AZ aus unterschiedlichen Quellen die Information, dass die Sparkasse die Räumungsverfügung schlussendlich durchsetzen wollte und die Räumung für den darauf folgenden Montag angesetzt war. Nach langem Bangen, Verhandlungen, politischen Druck verschiedener Parteien und internationalen Solidaritätsbekundungen stand am Freitagmorgen eine Räumung kurz bevor. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich sechs Hundertschaften der Polizei in Kalk und hatten das Gebiet um das AZ großräumig abgesperrt.

Im nicht nur sprichwörtlich letzten Moment, die Räumung hatte gerade begonnen, kam plötzlich doch noch ein Anruf der Sparkasse – die Verhandlungen wurden wieder aufgenommen. Kurzfristig wurde die Räumung abgebrochen und nach sehr langwieriger interner Diskussionen und Verhandlungen mit der Sparkasse wurde sich auf einen Nutzungsvertrag für das Autonome Zentrum geeinigt.

„Wir sind froh, dass wir durch den Nutzungsvertrag nun eine gewisse Planungssicherheit haben“, so Thomas, einer der Besetzer. Das Autonome Zentrum hat somit nun einen legalen Status und bald wird es auch wieder Strom und Wasser geben, so dass die unzähligen Arbeitsgruppen noch besser arbeiten können als zuvor. Allerdings gilt dieser Nutzungsvertrag nur bis Ende September diesen Jahres. Danach ist die Stadt Köln und damit Oberbürgermeisters Roters am Zug. Der Besitz der ehemaligen KHD-Kantine geht ab dem 1. Oktober an die Stadt Köln über. Roters hatte gegenüber der Kampagne pyranha im Wahlkampf noch verlauten lassen, das Zentrum sei ihm eine Herzensangelegenheit.

Auch ihm galt daher die Demonstration am Freitag. „Natürlich wird es mit jedem Tag des Fortbestehens für die Politik schwieriger, eine Räumung durchzusetzen. Schon jetzt hat der enorme Druck in der Öffentlichkeit und die breite Unterstützung dafür gesorgt, dass die Sparkasse von einer Räumung absehen musste“, so Hanna aus dem AZ.

Obwohl das Autonome Zentrum allen offen steht, ist die Hemmschwelle zu einem Besuch unter Umständen recht groß. Seit der turbulenten Woche um die Räumung des AZ ist der Zulauf an neuen Menschen, die mitarbeiten wollen, enorm. Auch die Nachttanzdemo war an dieser Stelle mit Sicherheit ein gelungenes Ereignis und ein wichtiges Signal für die Öffentlichkeit.
„Der Elektro-Sound vom DJ-Team ‚Ästhetik und Zerstörung‘ hat mir sehr gut gefallen. Beim nächsten Tag im AZ habe ich mich nicht wirklich wohl gefühlt – da müssen auf beiden Seiten noch Vorurteile abgebaut werden.“, so ein sonst auf Demos weniger präsenter BWL-Student.

Erschienen in der neuen AStA-Zeitung Nachdruck

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